GEISTLICHER CHOR
der Katholischen Hochschulgemeinde Köln

zum 10. Todestag von Wilhelm Nyssen

Sonntag, 18. Juli 2004:
Zum 10. Todestag von Wilhelm Nyssen

Kurze Ansprache an die Gemeinde vor Beginn des Gottesdienstes

 

In diesem Gottesdienst heute möchten wir erinnern an Prof. Dr. Wilhelm Nyssen, der am 16. Juli 1994 – also fast auf den Tag genau vor zehn Jahren –  im Alter von 69 Jahren gestorben ist.

Es gehört zum Wesen einer Hochschulgemeinde, dass die Gemeinde, sowohl die aktiven wie auch passiven Gemeindemitglieder und auch die Mitarbeiter, meistens immer nur für eine begrenzte Zeit da sind. Deshalb werden viele der hier Anwesenden nicht wissen, wer Wilhelm Nyssen war – oder seinen Namen nur vom Hörensagen kennen.

Wilhelm Nyssen war der Vorgänger von Pfarrer Raimund Blanke im Amt des Kölner Hochschulpfarrers. Wilhelm Nyssen war über 30 Jahre lang bis zu seinem Tod Hochschulpfarrer von Köln; das ist eine sehr lange Zeit, und es ist hier – in wenigen Sätzen vor Beginn des Sonntaggottesdienstes – nicht möglich, auch nur einen Bruchteil all dessen zu nennen, was sein Wirken, seine Persönlichkeit und Spiritualität und seine Lebensleistung ausmacht.

Ich will mich hier auf einen Punkt beschränken, aber dieser Punkt betrifft uns alle, sonst wären wir gar nicht heute hier – an diesem Ort. Wilhelm Nyssen hat damals, in der Mitte der Sechziger Jahre, die Papst Johannes Burse, also das Gemeindezentrum, die Wohnheime und vor allem diese Kirche hier entworfen und in dieser eigenwilligen Gestalt, wie Ihr und Sie sie heute erleben, gebaut. Die Hochschulgemeinde war zuvor in ganz bescheidenen Räumlichkeiten an der Bachemer Str. angesiedelt. Wilhelm Nyssen ist es gelungen, dieses große Grundstück hier für seine Pläne zu sichern, und er konnte Kardinal Frings davon überzeugen, dass eine Hochschulgemeinde ein Zentrum in unmittelbarer Nähe zur Universität braucht, einen überaus großzügigen Ort der Begegnung, auch Wohnheime und vor allem: eine eigene Kirche.

Zusammen mit dem Paderborner Bildhauer Josef Rikus hat Wilhelm Nyssen diese Kirche geplant und gebaut: das architektonische Konzept des Baumes und der Höhle, der Baum mit seinem abenteuerlich frei schwebendem Geäst, der in der Krypta wurzelt. Die Wege in und durch die Kirche von Sakristei zu Oberkirche und von Oberkirche zur Krypta als ständige Prozession sollen die Kirche auf ihrer Wanderschaft symbolisieren – aber auch die anderen Gebäude der Papst Johannes Burse mit dem Innenhof sind Teil dieses Konzepts und gehören ebenso zu diesen Prozessions­wegen, die wir ständig – auch im Alltag – gehen und dann natürlich in den Liturgien der Weihnacht, der Passionszeit, an Palmsonntag und Ostern hier unmittelbar im liturgischen Geschehen erleben und erfahren. Kirche auf ständiger Wanderschaft.

Damals – so hat es Wilhelm Nyssen uns oft erzählt – habe er die Entwürfe der Hochschulgemeinde-Kirche Kardinal Frings zeigen wollen. Da Kardinal Frings zu diesem Zeitpunkt jedoch kaum noch sehen konnte, hat er – Wilhelm Nyssen – kurzerhand ein Modell der Kirche ins General­vikariat mitgenommen – hier drängen sich unwillkürlich Parallelen zu den berühmten Pater-Brown-Szenen auf. Behutsam hat Wilhelm Nyssen die Hände des Kardinals ergriffen und ihn das Modell fühlen lassen. Diese haptische Demonstration musste sich auf die Erfahrung einer sehr abstrakten Vorstellung beschränken, wenn man allein vom Äußeren der Kirche ausgeht. Und tatsächlich schien Kardinal Frings von einer gewissen Skepsis erfüllt zu sein, berichtete W. Nyssen, aber er ließ sich nichts anmerken und sagte zu Wilhelm Nyssen: „Ich kann mir beim besten Willen nicht… aber ich bin vollkommen davon überzeugt: Sie machen das alles richtig!“

Diese Einschätzung hat bis heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren. Vor großen Veranstaltungen führen wir die Referenten – Geistliche, Politiker, Professoren, Autoren – zuerst in die Kirche, wenn wir sie draußen an der Straße empfangen haben. Und ich kenne niemanden, der sich – durchaus zunächst ähnlich skeptisch gestimmt wie einst Kardinal Frings vom Äußeren der Kirche her – nicht überwältigt gefühlt hat, wenn er dann im Kirchen­raum stand. Sei es tagsüber, wenn das Sonnenlicht zu allen Tageszeiten sich durch die bunten Glasfenster bricht, sei es abends, wenn das Licht und die Kerzen den Baum und die Höhle erleuchten und alle zur Liturgie einladen und der Raum allen unmittelbar eine innere Ruhe und Andacht verleiht – wenige Meter vom nie endenden Hochbetrieb rund um Universitäts- und Berrenrather Staße.

Und vor allem erleben wir hier alle einen Kirchenraum mit einer grandiosen Akustik. Wir – der Geistliche Chor der Hochschulgemeinde – haben die Aufgabe, nein: das Privileg, in diesem Raum zu üben und die vielen Liturgien der Gemeinde mit unserer Musik zu gestalten. Nicht nur die Chorleute, alle Gemeindemitglieder entdecken hier ihre Stimme völlig neu. Etliche kleine haben sich im Chor zu tragenden Stimmen entwickelt und singen Soli in den Mozartordinarien, Bachkantaten oder Gospels. Norbert Blüm hat nach einem Augenblick des Wartens intuitiv einen lateinischen Choral intoniert, als ich ihm vor seiner Lesung die Kirche zeigte; Hanns Dieter Hüsch hat sich an die kleine Orgel gesetzt und war vollkommen überwältigt davon, dass dieses winzige Instrument mit seinen 5 Registern in diesem Kirchenraum wie eine Orgel einer französischen Kathedrale klingt.

Wer sich informieren möchte: Es gibt ein kleines Buch über diese unsere Kirche von Wilhelm Nyssen, das an der Pforte erhältlich ist, aber auch einen sehr guten Aufsatz von unserer Gemeindereferentin Ursula Bell, der das architektonische Konzept eindringlich und verständlich erläutert.

Wilhelm Nyssen hat in seiner langen Amtszeit Generationen von Studenten geprägt, sodass deren Zugehörigkeit zur Hochschulgemeinde über Jahre anhielt und viele Menschen aus aller Welt sich auch heute noch mit dieser Gemeinde verbunden fühlen. Überliefert ist, dass Kardinal Joseph Höffner unmittelbar nach der Rückkehr von einer Asienreise Wilhelm Nyssen zum Rapport ins Erzbistum bestellte. Wilhelm Nyssen erschien dort - ohne eine Ahnung, was der Kardinal von ihm wollte. Kardinal Höffner musterte ihn lange und skeptisch, dann sagte er: "Sagen Sie mal: Überall, wo ich hinkomme, sprechen mich junge Menschen an, sei es in Afrika, Italien, Frankreich oder auch jetzt in Tokio - und sagen zu mir: 'Ach, und wenn Sie wieder in Köln sind, grüßen Sie bitte ganz herzlich Vater Nyssen von mir. Er hat mir sehr geholfen damals.' Nyssen, was sind Sie eigentlich für ein Mensch?"

Pfarrer Nyssen hat es verstanden, viele der berühmtesten Denker und Köpfe an die Hochschulgemeinde zu holen: Josef Piper, Heinrich Böll, Kardinal Ratzinger, mit dem er freundschaftlich eng verbunden war, sowie den jetzigen Patriarchen von Jerusalem, Bischöfe, zahllose Politiker, Autoren, Professoren und hochrangige Wissenschaftler aus allen Disziplinen.

Vieles wäre noch zu erzählen. Dass die Hochschulgemeinde heute so ein lebendiger Ort der Begegnung ist, dafür hat Wilhelm Nyssen – nicht nur durch die Bauten hier – den Grundstein gelegt. Daran wollen wir heute erinnern, und ich bin fest davon überzeugt, dass der frühere Hochschulpfarrer Wilhelm Nyssen mit all dem, was sein Nachfolger Hochschulpfarrer Raimund Blanke und Pfarrer Dr. Jonas Koudissa und wir alle hier heute tun, einverstanden ist und uns hoffentlich wohlwollend weiterhin begleitet.

Wir wollen seiner in diesem Gottesdienst gedenken, für ihn beten und auch darum bitten, dass sein Werk und die Hochschulgemeinde auch in Zukunft von diesem bunten Leben erfüllt wird: Das war sein Ziel und sein Wunsch, und das ist auch weiterhin unsere Aufgabe, und diese Aufgabe bedarf der Mithilfe aller.


Im Namen der Mitarbeiter der Katholischen Hochschulgemeinde Köln:
Nikolaus Wolters
(Leiter des Geistlichen Chores der KHG Köln)

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"Jeder Mensch braucht eine Höhle. Weil: Der Mensch stammt vom Bären ab. Wer glaubt, er stamme vom Affen ab, ist selber schuld."

(Wilhelm Nyssen)

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